Danken ist eine Wohltat und vor allem ist es schön

Die alten Griechen gebrauchten für „Dank“, „Gnade“ und „Anmut“ dasselbe Wort: „Charis“. Genauso auch die Römer: „Gratia“. Wie lässt sich das erkären?

Das Wort „Anmut“ fand im 18. und 19. Jahrhundert viel Verwendung. Seit 1900 kam es immer mehr aus der Mode. Wer spricht heute schon von Anmut? Die kulturgeschichtlich wirkmächtigste bildhafte Darstellung der Anmut sind die drei Grazien, das griechisch-römische Symbol natürlicher Schönheit in Bewegung. Im 19. Jahrhundert hat der Begriff „Anmut“ durch Friedrich Schiller eine sehr gut durchdachte vertiefte Definition erfahren: Die Anmut ergänzt sich mit der Würde zur wahren menschlichen Schönheit. Wenn der Anmut aller Spielraum versagt wird, findet sie doch Zuflucht in der Würde, die uns niemand nehmen kann. Jesus ging nicht anmutig ans Kreuz, aber in Würde. Aber seiner Natur nach war er voller Anmut. Mit Schiller können wir die Anmut als ganz stimmige und ganz selbstverständliche Natürlichkeit des Verhaltens verstehen. Dieser Mensch bezaubert und überzeugt dadurch, dass er ganz er selbst ist, aus uneingeschränktem Grundvertrauen heraus. Das meinte Jesus, wenn er sagte: „Werdet wie die Kinder“.

Zu Schillers Zeit hat man sich sehr viel mit der griechischen und römischen Antike beschäftigt und damit ja auch mit der Zeit, in der das Christentum entstand. Sie bildete mit der jüdischen Antike zusammen den Wurzelboden für den neuen Glauben. Unsere Wurzeln verstehen wir nur richtig, wenn wir uns bewusst machen, woraus sie ihre Nährstoffe ziehen.

Die Sprache sagt sehr viel darüber, wie die Menschen denken. Zum Selbstverständnis der griechischen und der römischen Kultur gehörte es, Gnade, Dank und Anmut in einem derart engem Zusammenhang zu sehen, dass dafür ein einziges Wort genügte. Das ist sehr bemerkenswert. Im Griechischen gehört zu dieser außerordentlich einheitlichen Wortfamilie auch noch die Freude: Chara heißt sie. Die Schwester der Gnade, des Danks und der Anmut ist das, wenn man so sagen will.

Jetzt stellt sich uns die spannende Frage, was der gemeinsame Nenner dieser Wortbedeutungen ist. Irgendwas muss es doch geben, was aus den Bedeutungsvarianten das eine Wort werden ließ!

Wenn du ein richtig gutes Buch über das Wesen von Dankbarkeit und ihre enge und tiefe Wesensverwandtschaft mit Gnade, Anmut und Freude lesen willst, dann besorge dir Senecas „Über die Wohltaten“ (De Beneficiis). Seneca war Zeitgenosse der ersten Christen und einer der einflussreichsten Römer damals. Seine Leitfrage hieß: Was macht den Menschen wirklich menschlich? Ich komme jetzt auf ihn zu sprechen, weil dieser Buchtitel uns die Antwort gibt: Das, was aus den Aspekten Dank, Gnade, Anmut und Freude eines macht, ist die Wohltat. Es handelt sich um die Teilaspekte des Wohltuns.

Beneficium ist genau genommen die „gute Tat“. „Wohltat“ hat für uns einen anderen Klang. Wir denken dabei an Wohlbefinden und Wohlgefühl, und das ist auch gut so. Es erinnert uns daran, wie entscheidend wichtig die Gratia mit ihrem ganzen Bedeutungsspektrum für unsere Gesundheit ist. Vor allem die so genannte Positive Psychologie hat dazu in den letzten Jahrzehnten sehr ergiebige Befunde erarbeitet. Gesundheit ist der WHO nach ganzheitliches „Wohlbefinden“ (Wellbeing). Es kommt darauf an, was man unter Wohlbefinden versteht. Ich kann mich auch wohl befinden, wenn ich mich gerade überhaupt nicht wohl fühle. Ich kann dankbar sein, obwohl ich furchtbar traurig und enttäuscht bin. Das Gesundheitskriterium „Wohlbefinden“ lässt sich weit fassen als die Fähigkeit, seine Würde dadurch zu wahren, dass man den andern und sich selbst immer weiter Gutes tut, solange man noch Kraft dazu hat, bis zuletzt. In diesem Sinne ist Gesundheit der gesunde (dankbare) Umgang in Würde mit dem Leben, das so ist und sein darf, wie es ist.

Im Folgenden versuche ich eine Definition von Dankbarkeit, die daraus besteht, die jeweiligen Wohltaten der Teilaspekte darin wiederzufinden.

1. Die Wohltat der Gnade ist ihrem Wesen nach dasselbe wie die Wohltat der Dankbarkeit.

Es gibt eine Gnade von oben herab. Vielleicht hilft mir das in einer akuten Notlage, aber eine Wohltat ist das nicht. Alle Herablassung demütigt. Das Wesen der Gnade als Wohltat ist freundliche und wenn möglich liebevolle Zuwendung nicht von oben herab, sondern viel lieber von unten herauf oder jedenfalls auf Augenhöhe: Es ist mir eine Freude, wenn ich dir dienen darf. Es ist nicht nur dir eine Wohltat, sondern ebenso auch mir selbst. Wie schön: Du brauchst mich und Du willst mich brauchen. Wie schön: Ich darf dir eine Freude machen, die du sonst nicht haben könntest. Deine Dankbarkeit ist nichts als die ganz natürliche Resonanz darauf. So freuen wir uns miteinander und aneinander. Zugegeben: Die christlichen Vorstellungen von Gnade sind großenteils ziemlich anders. Aber es kommt darauf an, wie wir uns Jesus vorstellen. Passt das so nicht viel besser zu ihm?

2. Die Wohltat der Anmut ist die Schönheit im Wesen der Dankbarkeit.

Durch die Anmut wird sichtbar: So schön kann es sein, ein Mensch zu sein. Wenn ich deine Anmut erlebe, bewirkt das dankbare Resonanz in mir. Ich lasse mich bewegen von dir, ich schwinge mit, ich schwinge mich ein in das, was dich bewegt. Die Grazien sind nicht allein, sie tanzen miteinander. Deine Dankbarkeit und Freude ist die Energie, durch die du anmutig in Bewegung kommst. Dank ist vor allem etwas Schönes. Wenn der Dank nichts Schönes ist, künstlich, mühsam, erzwungen, weil du meinst, du müsstest, dann stimmt etwas nicht. Dann ist er weder für dich selbst noch für den Empfänger eine Wohltat.

3. Dankbarkeit muss nicht Spaß machen, aber sie ist immer ein Ausdruck von Freude.

Kann ich noch ehrlich dankbar sein, wenn mir aller Spaß vergangen ist? Nun, jedenfalls kann die Freude sehr tief in Leidenserfahrungen hineinreichen. Es lässt sich keine Grenze festlegen, wo die Dankbarkeit völlig erlischt, weil die Freude unwiederbringlich verloren ist. Aber der Glaube ist ein Festhalten der Hoffnung auf das, was man nicht sieht. Es scheint alles aus zu sein, aber das Ende ist zugleich ein neuer Anfang. Jetzt bist du nicht mehr da. Wir trauern um dich, weil wir dankbar sind für dich. Du hast uns Freude gemacht, darum fehlst du uns. Du warst uns eine Wohltat. In unserer Dankbarkeit liegt schon der Keim der neuen Freude.

Über Hans-Arved Willberg

Dr. phil. Hans-Arved Willberg Philosoph, Theologe, Sozial- und Verhaltenswissenschaftler.
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