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Archive für August 2011
Wort zur Woche
27.8.2011 von Hans-Arved Willberg.
10. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: “Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.” Psalm 33,12
Leitmotiv: Israel und die Kirche
Nimmt da nicht einer den Mund ein bisschen zu voll? Es hängt davon ab, was er unter dem Erbe versteht. Was hat Gott Israel vererbt? Was erben die Christen? Nicht den Machtanspruch. Nicht den Wohlstandsanspruch. Nicht den Auftrag, die Ungläubigen auszurotten. Auch nicht den Auftrag, sie zum rechten Glauben zu bekehren und, wenn das nicht gelingt, sie distanziert als sichere Höllenkandidaten zu betrachten und ihnen einerseits aus mehr oder weniger aus dem Weg zu gehen, andererseits sie doch auch weiter zu bekneten, damit sie doch endlich zur Einsicht des wahren Glaubens kommen mögen.
Was also erben wir? Die Haltung. Die Werte. Für die Haltung kennt die Bibel eine Fülle von Begriffen dafür, die alle in dem einen zusammengefasst sind: Liebe. Liebe konkret, Liebe im Alltag. Liebe in kleiner Münze, Liebe buchstabiert. Gott hat es vorgemacht: Das Wort von der Liebe wurde Fleisch, nahm Menschengestalt an, Knechtsgestalt, kam in die konkrete Lebenswirklichkeit hinein, um sich als wahrhaftig zu erweisen. Die großen Töne erben wir nicht, aber die kleine Verlässlichkeit mit der großen Wirkung. Zum Beispiel einmal wirklich zuzuhören.
Eine unverbrüchlich bejahende Einstellung zum Leben, unserem eigenen, dem unserer Mitmenschen und dem der ganzen Welt erben wir: Vertrauen, Liebe, Hoffnung. Einen Fortschrittsglauben erben wir, der vor der Macht des Bösen niemals resigniert. Den Auftrag erben wir, das Böse durch Gutes zu überwinden. Das ist Erwählung: Zur Liebe berufen sein.
Hans-Arved Willberg
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Wort zur Woche
21.8.2011 von Hans-Arved Willberg.
9. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: “Wem viel gegeben ist, bei dem wird man auch viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.” Lukas 12,48
Leitmotiv: Die anvertrauten Gaben
Vor mein Arbeitszimmerfenster habe ich drei Rosen gepflanzt. Die ersten selbstgepflanzten Rosen meines Lebens. Als ich sie kaufte, blühten sie wunderschön. Natürlich verwelkten die Blüten bald. Ich holte mir eine Anleitung zur Rosenbehandlung und beschnitt sie recht und schlecht. Und wartete. Jetzt bin ich begeistert: Überalle neue Knospen! Drei sind schon aufgegangen.
Diesen Rosen sind viele Knospen gegeben. In diesen Knospen steckt ein fantastisches Potenzial. Ich suche viel bei ihnen, denn ihnen ist viel gegeben.
Ich bin eine Rose. Ich habe Gaben. Mir ist viel gegeben. Mir ist viel anvertraut. Mir ist viel zugemutet. Mein Potenzial soll sich entfalten. Dafür lebe ich. Mein Schöpfer ist der wahre Gärtner. Er weiß genau, was er abschneiden muss, damit mein Potenzial die bestmöglichen Voraussetzungen zur Entfaltung hat. Er traut mir zu, dass ich genau dieses eine Leben hier meistere, so wie es mir gegeben ist. Genau in diesem Horizont, genau mit diesen Gaben und Begrenzungen. “Du schaffst das!”, sagt er zu mir, auch und gerade, wenn ich denke: Das ist doch viel zu schwer! Was mir anvertraut ist, das ist mir auch zugetraut.
Hans-Arved Willberg
Geschrieben in An(ge)dacht | Keine Kommentare »
Wort zur Woche
20.8.2011 von Hans-Arved Willberg.
8. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: “Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.” Epheser 5,8.9
Leitmotiv: Die Wirkung des Glaubens im Leben
“Werdet wie die Kinder”, sagt Jesus. “Lebt als Kinder”, sagt der Wochenspruch. Im ersten Fall ist das Kindsein Ideal, im zweiten ist es Vorgabe. Durch den Glauben sind wir zu Kindern Gottes geboren. Wer als Kind geboren ist, muss nicht erst noch Kind werden. Wer als Mensch geboren ist, muss nicht erst noch Mensch werden. Oder doch?
Wir können uns ja auch vom Kind zum Unmenschen entwickeln. Ist das nicht wirklich unser Problem? Nicht, dass wir als Erwachsene schlechthin unmenschlich wären. Aber wir sind es in mancher Hinsicht. Und damit machen wir uns alle schweren zwischenmenschlichen Konflikte.
Weil wir keine Kinder sein wollen. Damit meinen wir: Bloß keine Schwäche zeigen! Immer groß und wichtig tun. Macht besitzen und Kontrolle ausüben. Eine makellose Leistungsbilanz aufweisen. Keine Zeit haben. Wir legen die Kindlichkeit ab, als wäre es eine peinliche Spielhose, aus der wir längst herausgewachsen sind. Wir sind nicht mehr ehrlich. Wir kontrollieren unsere Gefühle übergenau.
Verständlich ist das schon. Denn alle diese Eigenschaften haben eine schmerzliche Distanz zwischen den Erwachsenen und uns bewirkt, als wir selbst noch Kinder waren. Das hat sie uns so fremd gemacht. Wir haben sie nicht verstanden und sie haben uns nicht verstanden. Sie hatten andere Probleme als wir. Und sie vermittelten uns sehr deutlich, dass ihre Probleme die eigentlichen, wirklich bedeutsamen waren, im Vergleich zu unserem Kinderkram. Wir lernten: Diese fremde Erwachsenenwelt ist die wichtige Welt. Diese Probleme muss man haben, sonst ist man kein vollwertiger Mensch. Also ahmten wir die Erwachsenen nach und wurden so wichtigtuerisch und humorlos wie sie.
Zum Beispiel vertauschten wir unsere kindlichen Sinn für wahre Komik mit blöden, angeberischen Witzen. Denn wir lernten: Wenn du zu jeder Zeit einen reißerischen Witz erzählen kannst, dann bist du wer. Dann bist du wichtig. Je mehr sie grölen, desto wichtiger. Und besonders pfiffig erwachsen und überaus humorlos ist: Das lässt sich sehr gut vermarkten. Unterhaltungsindustrie sagt man zu diesem globalen Produktionsmonster der Fließbandproduktion verkitschter und verstümmelter Gefühlsplagiate Erwachsener.
Das Programm des christlichen Glaubens ist anders. Wenn wir es leben, geht viel Gutes daraus hervor. Menschliches.
Hans-Arved Willberg
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Wort zur Woche
7.8.2011 von Hans-Arved Willberg.
7. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: “So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.” Epheser 2,19
Leitmotiv: Tischgemeinschaft mit Gott
Bei Gott daheim. “Nun, so will ich wallen meinen Pfad dahin, bis die Glocken schallen und daheim ich bin.” Diese Strophe aus dem Lied “Stern, auf den ich schaue”, haben wir daheim oft gesungen. Das ist tief eingeprägt. Das ist mir sehr vertraut. Ich liebe dieses Lied und möchte, dass es bei meiner Beerdigung gesungen wird.
So wie ich die Glocken liebe. Gestern abend, als das Geläut der katholischen Kirche unten im Dorf zur Messe rief. Ganz unverschämt in den stillen Sommerabend hinein. Das war kein Störgeräusch wie so viele andere Töne. Das war heimatlich. Das liebe ich an unserer Heimat: Dass die Kirche noch im Dorf steht. Dass die Glocken es noch wagen, sich aus Dank und Freude zu wiegen und zu schütteln. Bei allem Respekt für die islamische Kultur, bei allem Zauber aus tausendundeiner Nacht, der mich anhaucht, wenn der Muezzin in die Stille des Abends hinein zum Gebet ruft: Damit wollte ich nicht tauschen.
Heimat. Das Wort ist so erbärmlich verkitscht. Und doch spricht es mich so sehr an. Weil es meine allergrößte Sehnsucht ausspricht. Und weil es meinen Dank zum Klingen bringt. Daheim sein dürfen. Ein menschenwürdiges Zuhause haben. Einen Ort, an den ich immer neu am allerliebsten zurückkomme. Um den meine Gedanken liebevoll kreisen, wenn ich in der Ferne bin.
Wie furchtbar ist das, wenn Menschen kein Zuhause haben. Oder ein Zuhause, in dem Krieg ist. Wie tragisch ist es, wenn Menschen ihr Zuhause nicht erkennen. Wenn sie am gedeckten Tisch verhungern, weil sie nicht glauben, dass es gut ist und sie wirklich satt macht, was sie dort sehen. Weil sie nicht glauben, dass es gratis ist. Dass sie einfach zugreifen und genießen dürfen, dieses Leben, wie es ist.
“Gratis” kommt von “Gratia” und das heißt “Gnade”. Dieses eine Leben ist ein Geschenk, hier und jetzt. Auch wenn es schwer ist. Dann ist es eben ein Geschenk, dem der Wert erst abgerungen werden muss. Um erst recht als Geschenk erkannt und geliebt zu sein. Dorthin rufen die Glocken: Der Tisch ist gedeckt. Freue dich deines Lebens.
Hans-Arved Willberg
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