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Archive für Juni 2011
Wort zur Woche
18.6.2011 von Hans-Arved Willberg.
Trinitatis
Wochenspruch: “Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll.” Jesaja 6,3
Leitmotiv: Der dreieinige Gott
Dreimal heilig. Heilig als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Ein erhebendes Lied. Wichtiger Bestandteil der Abendmahlsliturgie. “Erhebt eure Herzen”, sagt der Liturg. “Wir erheben sie zum Herrn”, antwortet die Gemeinde. Dann folgt ein erhebendes Gebet. Und dann wird das “Sanctus” gesungen, das “Heilig, heilig, heilig”. Der vertonte Wochenspruch.
Wir fühlen uns erhoben durch diesen Lobgesang. Ein Stüfchen nach oben versetzt, ein wenig näher der mystischen Vereinigung mit Gott. Wie in den barocken Kirchen: Der Blick geht nach oben, und in der Kuppel sitzen die seligen noch Erhabeneren und immer noch Verklärteren und ganz, ganz oben ist die Heilige Dreifaltigkeit. Der Lobgesang bringt uns näher dorthin. Und das nennen wir Gottesdienst. Je mehr Entrückung da hinauf, desto besser der Gottesdienst. Den Sorgen enthoben.
Das ist die eine Seite. Ich mag sie nicht in Abrede stellen. Aber Glaube ist ein dialektisches Phänomen. Ohne Tiefe gibt es keine Höhe. Und die Tiefenerfahrung steht am Beginn der trinitarischen Lobgesanggeschichte. Bei Jesaja.
Der sucht die Verwirklichung seines Lebenstraumes im Tempel und erfährt sein Lebenstrauma. Er sieht Gott, den keiner sehen kann. Er begegnet der Sonne. Er spürt die Flammen. Der Rauch umfängt ihn schon. Er schreit in Todesangst: “Weh mir, ich vergehe!” Diese Heiligkeit vernichtet ihn.
Gewaltige Engelwesen bedrängen ihn. Sie singen nicht, sie rufen. Ihre Stimme dröhnt so mächtig, dass die Wände zittern: “Heilig, heilig, heilig”. Starkstrom um und um. Tödliches Feuer. Jesaja weiß: Ich passe hier nicht hin. Ich habe hier nichts zu suchen. Aber ich komme auch nicht mehr raus. “Weh mir, ich vergehe!”
Es kommt noch schlimmer. Einer von den Engeln bewegt sich auf ihn zu. Das letzte bisschen Abstand, der Raum, in dem er jetzt noch atmen konnte, schwindet. Nun schnürt die Angst ihn völlig ein. Der Engel reicht ihm keine Erfrischung, sondern stopft ihm den Mund mit einer glühenden Kohle. Das ist der blanke Horror. Jetzt wird ihm wirklich aller Atem geraubt. Er muss in qualvollem Schmerz ersticken.
Spätestens hier müsste Jesaja schweißgebadet aus seinem Albtraum erwachen. Aber nein: Auf einmal wird es tröstlich still. Der Engel hat sich zum Freund gewandelt. Jesaja ist willkommen an diesem Ort. “Gegrüßet seist du, Auserwählter!” Und dann wird er zum Propheten berufen. Er wird verkünden, was er selbst erlebte: Schrecken und Trost.
Niemand wird Christ, um den Albtraum des Jesaja zu erleben. Wir suchen das Erhabene. Wir wollen etwas Besonderes sein, den Sorgen enthoben, auf pneumatischen Wolkenkissen des Heiligen Geistes ruhend allmählich auffahren gen Himmel, dem Heiligen Vater zu, uns hinaufwinden mit Adlersschwingen bis zu guten Ränge in erlauchter Gesellschaft dort oben im grandiosen himmlischen Schauspiel. Es kann sehr anders kommen.
“Weh mir, ich vergehe!” schreit Jesaja. “Kümmert es dich nicht, dass wir jämmerlich ertrinken!” brüllen die Jünger Jesu ihren Meister an, der aus unerklärlichem Grund trotz höchster Todesnot nicht wachzukriegen ist. Das ist definitive Gottverlassenheit im Angesicht des sicheren Todes unter extrem traumatischen Umständen. Das hat kein Glaubender im Programm. Vieles wird Gott zulassen, aber das doch nicht! Doch, gerade so etwas. Gerade das, was wir uns nie vorgestellt hätten.
Wahrscheinlich unterscheidet das die echten von den falschen Propheten. Die falschen singen bekanntlich ihr dreifaltiges “Friede, Friede, Friede”, wo doch kein Friede ist. Die echten übertünchen nichts. Sie halten aus, was nicht auszuhalten ist. Sie glätten nicht, sie rechtfertigen nicht, sie machen sich keinen Reim, wo keiner ist. Sie vergehen mit Hiob im Leid. Sie schreien und wimmern mit aller leidenden Welt das unendliche “Mein Gott, mein Gott, warum!” Nicht, weil sie das gern wollen. Nicht, weil sie so erhaben tapfer sind, strahlende Heldenfiguren des Glaubens. Sondern weil sie ganz einfach selbst betroffen sind.
Gott, der Vater, mutet es zu. Gott, der Sohn, ist der Hauptbetroffene. Gott, der Heilige Geist, bringt es uns bei. Auf seine wunderliche Weise: So, dass es still wird, mitten drin, und wahrer Trost aufkommt. Unbegreiflicher Friede. Tiefe, durch und durch beglückende Freude. Mitten drin Aufrichtung, Bestätigung, Würdigung, Stärkung, Anerkennung. Mitten drin: Berufung.
Da wird dreimal Friede aus dem dreimal heilig: Ich weiß, wofür ich lebe. Ich bin begnadigt und begnadet. Darum gehe ich meinen Weg und lasse nicht ab.
Hans-Arved Willberg
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Wort zur Woche
11.6.2011 von Hans-Arved Willberg.
Pfingsten
Wochenspruch: “Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.” Sacharja 4,6
Leitmotiv: Der Heilige Geist
“Zebaoth” ist hebräisch und heißt “Heerscharen”. So spricht der Herr der Heerscharen. Der sagt, dass es nicht durch Heere geschehen soll. Was soll geschehen? Friede.
Heerscharen stehen mit dem Tod im Bund. Sie drohen mit dem Tod und sie bringen ihn. Heerscharen sind den Mächtigen verpflichtet. Sie sichern ihre Macht und breiten sie aus.
Eine neue Zeit ist angesagt, spricht der Herr der Heerscharen vor 2.500 Jahren durch seinen Boten, den Propheten. Es war genug des Mordens im Namen göttergleicher Führer. Babylon hatte die Welt platt gewalzt. Wie eine riesige Planierraupe, die radikal alles einebnet. Mann und Maus. Um ein neues Ultraimperium zu errichten.
Wann wird man je verstehn? Obwohl doch damals schon das Ultimum der Bestialität erreicht war, hörten wir nicht hin und hörten wir nicht auf. Wir behielten das Planierraupenmodell bei. Plattwalzen. Endloser Wettbewerb des selbstgerechten Menschenrichtens und Menschenhinrichtens mit immer neuen Ideen und Varianten. Wenn wir das, was in Kriegen verpulvert wurde, in Frieden investiert hätten… Nicht auszudenken. Wie schön wäre die Welt!
Das Verrückte ist: Es geht! Zigmal an jedem Tag entscheiden wir selbst, du und ich, in aller Freiheit über Frieden oder Krieg. Und jedesmal, wenn wir für Frieden entscheiden, beweisen wir, dass es geht. Wir müssen nur weitergehen.
Seit Pfingsten ist es amtlich: Verständigung statt Kommunikationsverwirrung! Angstfreies Miteinander statt babylonische Zwangsherrschaft! Wahrer Friede statt Friedhöflichkeit!
Das müssen wir begreifen: Die seltsamen neuen Sprachen des Pfingstereignisses sind unsere Muttersprache. Das ist die Einheitssprache des Verstehens und Verständigens. Die Einigungssprache des Respekts und der Ehrlichkeit. Die zarte Sprache der Verletzlichkeit. Emfinden, Mitempfinden, Hören, Zuhören. Achtsam sein. Signale ankommen lassen. Urteile behutsam reifen lassen statt Vorurteile bestätigen und züchten. Die Sprache der Liebe.
Dafür steht Pfingsten. Das will der Heilige Geist.
Der Herr der Heerscharen hat offenbar beschlossen, die Kriegstreiberei definitiv zu beenden. Manchmal scheint das nicht anders als durch kriegerische Mittel möglich zu sein. Gadaffi lässt nicht ab, sein Volk dahinzumorden, wenn er nicht dazu gezwungen wird. Es ist Zynismus zu sagen, dies sei ein innerlibysches oder binnenafrikanisches Problem. Genauso wie es zynisch war, die Beendigung des Judenmordes als eine binnendeutsche Aufgabe anzusehen. Solcher Pseudopazifismus ist nicht der Geist von Pfingsten. Manchmal ist Gegengewalt das geringere Übel. Leider, weil die Dummheit noch so weit verbreitet ist.
Noch. Das Reich Gottes kommt. Es ist schon angebrochen. Und es kommt der Tag, an dem der Herr der Heerscharen seine Heere definitiv nachhause schicken wird. Oder ihnen einen neuen Job des Friedens gibt: Schwerter zu Pflugscharen…
Das Reich Gottes, das ist die Herrschaft wahren Friedens. Da ist es einfach nur großartig, Mensch zu sein und sich als Mensch entfalten zu können, in der großartigen Gemeinschaft lauter wunderbarer Mitmenschen, die so ganz anders sind und mit denen wir uns doch zutiefst verbunden wissen, als dankbare Bewahrer, Entdecker, Genießer und Verwalter einer großartigen Natur. Das ist unsere Freude, das ist unsere Zukunft.
Hans-Arved Willberg
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Predigt zum Thema “Abschied”
4.6.2011 von Hans-Arved Willberg.
Predigt zum Himmelfahrtsfest über 1. Könige 8,22-24.26-28
Ort: Ev. Johannis-Paulus-Gemeinde, Karlsruhe-Südstadt. Inhalt: An der Schwelle zur Ewigkeit erfahren wir leidvoll wir die Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach dem jenseitigen Frieden und dem Kreuz in unserer Diesseitigkeit. Trost finden wir in der Diesseitigkeit Gottes, der sich in seinem Kreuz mit unserem verbindet.
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Wort zur Woche
4.6.2011 von Hans-Arved Willberg.
Exaudi
Wochenspruch: “Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.”Johannes 12,32
Leitmotiv: Die wartende Gemeinde
Es gibt passives und aktives Warten. Die Doppelbedeutung des Wortes bringt das sehr klar zum Ausdruck: Warten als auf Empfang gerichtetes Er-warten und Warten als Pflege, wie in den Substantiven “Wartung” und “Wärter”. Warten im Nehmen und Geben. Negativ gesprochen: Warten als Opfer und Täter.
Das Opfer-Warten in Beziehungen verlangt die Initiative vom anderen. Das Täter-Warten ergreift sie selbst und pflegt des eigenen Interesses wegen die Beziehung. Das Opfer-Warten macht krank. Das Täter-Warten macht gesund. Ich nehme an, dass die meisten scheiternden Beziehungen durch das Opfer-Warten in die Brüche gehen.
Das Opfer-Warten hat einen Scheinvorteil: Ich bin bedauernswert und du bist schuld. Stimmt, du bist wirklich bedauernswert. Aber nicht, weil der andere schuld ist, sondern weil du nicht aus deiner Opfer-Haltung heraustrittst.
Wenn Jesus “Zu-mir-ziehen” sagt, meint er kein intergalaktisches In-den-Himmel-Beamen. Er meint Liebe, erfahren als Anziehungskraft. Mit dem Fremdwort: Attraktivität. Die tiefe Attraktivität der wahren Heimat. Die Attraktivität des verlässlichen Zuhauses, die den Verlorenen Sohn zur Umkehr bewegt.
Der verlässt die Opfer-Haltung. Der bleibt nicht länger im Elend sitzen. Er steht auf. Er macht sich auf den Weg. Mit einer sehr realistischen Perspektive: Tagelöhner zu sein ist besser als Bettler zu sein. Das geringere Übel. Ich verlasse die Opfer-Haltung, wenn ich mich bewege. Wenigstens vom größeren Übel hin zum geringeren. Diese kleinen Schritte sind immer möglich. Wer weiß, was sich auf dem Weg dann noch alles auftut.
Da wirst du gezogen, gerufen von der Hoffnung. Das ist Gottes großes Himmelfahrtsprogramm: Alle zu sich ziehen. Aus dem Elend in die Hoffnung. Aus dem Nein ins Ja. Aus dem Selbstmitleid in die neue Freude am Leben.
Hans-Arved Willberg
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